Rentner immer ärmer

Fuldaer Tafel: "Durch die Flüchtlingskrise fast an unsere Grenzen gekommen"

 

Nicht ganz einfach zu finden liegt das Gelände der Fuldaer Tafel in der Weserstraße - versteckt im Hinterhof befindet sich der Eingang. Es ist Dienstag, kurz nach 12 Uhr. In einer Stunde öffnet der Verein seine Türen für Hilfsbedürftige. Für einen geringen Obolus bekommen sie hier Lebensmittel wie Brot, Eier oder Gemüse. Obwohl es noch 60 Minuten dauert, bis die Tüten mit Nahrungsmitteln gefüllt werden, hat sich bereits eine Schlange von etwa 20 Menschen gebildet. Manche von ihnen scheinen die Prozedur bereits zu kennen, sie haben sich extra Klappstühle mitgebracht, um die Wartezeit angenehmer zu gestalten. Einmal in der Reihe erster zu sein, scheint der größte Wunsch, den die Wartenden an diesem Tag haben.

 

Über eine Art Laderampe gelangt man zum Herzstück des Vereins, dem Raum, in dem etwa zehn ehrenamtliche Helfer Lebensmittel sortieren. „Wir befreien die Sachen vom Packmaterial und entfernen das, was nicht mehr gut ist“, sagt Heinz Steege, Vorsitzender der Fuldaer Tafel im Gespräch mit OSTHESSEN|NEWS. Hektisch geht es zu, man hat das Gefühl, ständig jemandem im Weg zu sein. Eilig werden Ecken aus Blumenkohlköpfen geschnitten, einzelne Mohrrüben aus einem großen Bund gezogen und entsorgt. Im Sortierraum sieht es aus, wie in einer größeren Gemüse- und Obstabteilung. Es gibt Stiegen voller Salat, Bananen, Äpfeln, Erdbeeren, Paprika, Zucchini, Radieschen, Auberginen und vielem mehr. „Wir bieten aber nicht nur normale Lebensmittel an, also die Dinge, die der Mensch zum Überleben braucht, sondern haben auch Nahrungsmittel, die eher für den Genuss sind“, erklärt Steege.

Im Nachbarraum wird schnell deutlich, was er damit meint. Senf, Joghurt, Pudding, Müsliriegel, Limonade oder allerlei Aufstrichkäsesorten werden hier für den Verbraucher ausgepackt. In einer Kühltheke warten Tiefkühlprodukte wie Pizzen darauf, abgeholt zu werden. Im Kühlraum, so erklärt der Vorsitzende, würden die schnellverderblichen Dinge gelagert. „Hier bewahren wir auch viele Lebensmittel auf, die für die muslimischen Empfänger gedacht sind. Geflügel- oder Rindfleischprodukte zum Beispiel - wenn wir haben.“

Durch die Flüchtlingskrise im vergangenen Jahr sei die Tafel anfänglich fast an ihre Grenzen gestoßen, sagt Steege. „Plötzlich kamen rund 1.000 Empfänger dazu.“ Ob Familie oder Einzelperson, es würde jeweils nur ein Berechtigungsausweis ausgestellt, erklärt der Vorsitzende. Einen solchen würde jeder erhalten, der einen entsprechenden Sozialbescheid vorlegen könne. „Mittlerweile haben wir 1.879 Ausweisinhaber bei insgesamt 4.099 berechtigten Personen, 1.534 davon sind Kinder und Jugendliche.“ Die kinderreichste Familie, sagt er, hätte insgesamt neun Kinder. Einmal pro Woche berechtigt der Ausweis die Inhaber, sich bei der Tafel mit guten Lebensmitteln zu versorgen. „Je nachdem, wie viele berechtigte Personen in einer Familie leben, verteilen wir zwischen zwei und acht Tüten - gefüllt mit Nahrungsmitteln.“ Um den Menschen ein Gefühl der Normalität zu geben, so Steege, wäre der „Einkauf“ nie ganz kostenlos. „Egal wie viele Tüten jemand mit nach Hause nimmt, müssen die Leute einen Obolus von 2,50 Euro erbringen.“

Der Anteil zwischen deutschen Hilfebedürftigen und ausländischen Flüchtlingen sei ungefähr gleich hoch, sagt Steege, wobei zu bemerken sei, dass Menschen aus insgesamt 47 Nationen bei der Tafel versorgt würden. „Manchmal ist es schon schwierig sich zu verständigen“, räumt er schmunzelnd ein, „aber meist klappt es irgendwann doch mit Händen und Füßen.“ Punkt 13 Uhr ist es soweit, diejenigen, die noch vor ein paar Minuten das Obst und Gemüse sortiert haben, verwandeln sich in Verkäufer und Verkäuferinnen. Hinter einem provisorischen Verkaufstresen wartet der erste Kunde. Brot und viel Gemüse packen die Ehrenamtlichen in die Tüten, ein paar schöne Leckereien sind auch dabei. „Wir haben uns irgendwann mal die Arbeit gemacht und den durchschnittlichen Warenwert einer vollen Tüte ausgerechnet, ganz so als seien die Dinge im Discounter gekauft worden“, erzählt Steege. Etwa 25 Euro kämen pro Tragetasche zusammen. "Es gibt immermal wieder Leute, denen die Tüte zu leer oder nicht richtig gefüllt ist. 90 Prozent sind aber einfach nur dankbar, dass wir ihnen helfen." Zehn Tonnen Lebensmittel gehen so pro Monat über den Ladentisch.

Um den Tafelbetrieb am Laufen zu halten ist eine ausgefeilte Logistik notwendig. Mit vier Transportern, darunter drei Kühlfahrzeugen, werden an sechs Tagen pro Woche bei Bäckereien, Lebensmittelmärkten, Großhändlern und Discountern im Umkreis von bis zu 100 Kilometern überschüssige Lebensmittel abgeholt. Etwa 100.000 Euro kostet das Unterfangen Fuldaer Tafel jährlich, ohne die großzügige Unterstützung vieler Spender wären die laufenden Kosten und die notwendigen Ausgaben nicht zu bewältigen. 

Etwas abseits des Verkaufstrubels hat sich eine Gruppe älterer Menschen versammelt, eine weißhaarige Frau lehnt an ihrem Rollator. Sie blickt auf den Boden, als wir an ihr vorbei gehen. Steege erklärt: „Etwa 20 Prozent unserer Empfänger sind Rentner. Diejenigen, die nicht mehr gut zu Fuß sind oder andere Behinderungen haben, brauchen sich nicht in der normalen Schlange einzureihen. Für sie haben wir einen anderen Eingang.“ (Miriam Rommel) +++